Was ist Musiktheorie – Gedanken

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Musiktheorie ist ein Sammelbegriff. Vielleicht wäre die Auffassung eines Pluraletantum, eines Mehrzahlwortes, in diesem Fall besser, weil alle Theorie-spezifischen Texte zur Musik ein Beitrag sind zu einem sich stets und dynamisch verändernden Phänomen »Musik«.

Das heißt: der Betrachtungsgegenstand, auf den sich diese Theorie-n beziehen, verändert sich kontinuierlich. Also eine Art Fang-mich-wenn-du-kannst Spiel.

Die Aspekte einer Kontinuität darin verleiten dazu, von universellen Gesetzmäßigkeiten oder Urformen und dergleichen auszugehen. Derartige Postulate verbinden all zu leicht die Atmosphäre einer Geheimwissenschaft und eines Esoterischen mit dem Sektiererischen. Doch sowenig diese Postulate als pseudowissenschaftliche Gegebenheiten anzunehmen Ader gar als singuläre Wahrheiten, so wenig richtig wäre es, diese in Bausch und Bogen ganz abzulehnen, allein schon aus dem Grund, weil der Betrachtungsgegenstand – die »Musik« – selbst auch kein kohärentes oder gar naturwissenschaftliches Phänomen ist.

Um einen Gewinn aus der musiktheoretischen Arbeit zu ziehen, ist es notwendig, auf einen relativ kleinen Themenbereich »hinein zu zoomen«. Dieser Bereich ist in erster Linie historisch bestimmt, aber auch aus Vergleichen, sogar in der Weise wie Markus Arnold sagt: Vergleichen, was zu vergleichen noch niemandem ernstlich eingefallen ist1

Die Absicht, zu einer Erkenntnis zu gelangen durch eine theoretische Reflexion, deckt sich bekanntlich nicht immer mit der Absicht, zu einer bestimmten Erkenntnis zu gelangen. Die Aufgabe, mit einer Falsifizierung eine Hypothese zu überprüfen ist nochmal etwas anderes, als gar keine Hypothese zu haben. Die Sammlung von Materialien und Fakten ist freilich eine verdienstvolle Bemühung, wenn dann später daraus Thesen aus aufmerksamen Beobachtungen entstehen.

Die zu beginn gemachte Feststellung, dass die Musiktheorie ein Sammelbegriff für viele Theorien sei, bezieht sich aber nicht nur auf diese angesprochenen individuellen Beiträge zur Musiktheorie als Disziplin. Musik ist ein überaus komplexes Phänomen aus zum Teil heterogenen, zum Teil aber auch aus verschiedenen Kategorien zusammenwirkenden Bereichen, die im faszinierenden »Prozess« des Musizierens zusammenfließen. Eine der bedeutendsten Bereiche dieses Prozesses ist die Notation von Musik. Die »Schaltstelle« für nahezu alles, was wir zumindest im traditionellen Sinn mit Musik in Verbindung bringen. Ein bekanntes Bonmot variierend würde ich sagen: Jede Musik muss notiert werden, und ist sie nicht notierbar, dann muss sie notierbar gemacht werden. — Nicht so sehr, dass ich diese Auffassung für unbedingt ideal halte, aber sie entspricht dem, wie ich den Diskurs um Musik, vor allem im akademischen Bereich, sehe. Dieses Wunderwerk der musikalischen Notation hat nun aber auch seine Kehrseite, weil man sich darin leicht und zu recht uneinig sein wird, was nun die »wirkliche« Musik sei: jene, die in einer bestimmten, singulären Aufführung gespielt wird, oder aber jene, die in der Notation gemeint ist.


  1. 2000, Markus Arnold: ‘Vergleichen, was zu vergleichen noch niemandem ernstlich eingefallen ist’: Die Musik als Modell in L. Wittgensteins Philosophie der Erkenntnis, der Mathematik & der Sprache In: F.Stadler/M.Seiler (Hg): Kunst, Kunsttheorie & Kunstforschung im wissenschaftlichen Diskurs. Wien 2000: 161–184 ↩︎

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