DER RORSCHACH TExT

Ein Faust-Drama mit Musik / A Faustian Mystery Play



Ein mysteriöser ungarischer Pelzhändler und seine 13-jährige Tochter fahren im “totalen Krieg” mit einem einzelnen Güterwaggon, auf die Schweizer Grenze nach Rorschach zu. Schülerinnen protestierten 1942 in einem Brief gegen rigide Flüchtlingspolitik der Schweiz und wurden dafür zum Schweigen gezwungen. “Das Boot ist voll” war Devise, Flüchtlinge wurden “ausgeschafft” oder schon an der Grenze abgewiesen. - Neues Musiktheater unter Verwendung von Textstellen aus Die Tragödie des Menschen von Imre Madách (1823-1864) und Franz Liszts Faust Sinfonie für Computerflügel.

A story from the last days of World War II: A furrier and his young daughter travel through the collapsing “Reich” towards Switzerland. A dodgy figure in uniform, Luzifer alias Hans, is their helping hand…
A new music theater which includes parts of Tragedy of Men by Imre Madách and Franz Liszt’s Faust Symphony for automatic piano.

von/by Thomas Desi (Text/Regie)
Musik von Franz Liszt (arr. Thomas Desi) und Ruggero Leoncavallo
mit/with Tristan Jorde (Faust), Karl Maria Kinsky (Luzifer), Mia Krieghofer (Mädchen), Judith Halász (Sopran)

Theater Nestroyhof Hamakom, Nestroyplatz 1, 1020 Wien

Premiere: Dienstag, 9.10.2012 19:30 Uhr weitere Vorstellungen fanden statt am Mittwoch, 10.10.   Donnerstag, 11.10.     Freitag 12.10.     Samstag  13.10.  Dienstag 16.10.    Mittwoch 17.10.  Donnerstag 18.10.

REZENSIONEN

 

KULTURWOCHE.at (Ausgabe Oktober 2012)

http://www.kulturwoche.at/index.php?option=com_content&task=view&id=3142&Itemid=1

 

Die Tragödie des Menschen: Der Rorschach Text – die Theaterkritik

Ein mysteriös-psychologisch-düsteres Musiktheater unter Verwendung von Textstellen aus der dramatischen Dichtung “Die Tragödie des Menschen” von Imre Madách (1823-1864) und mit Franz Liszts “Faust-Sinfonie” wird mit “Der Rorschach Text” im schönen Theater Nestroyhof Hamakom unter der Regie von Thomas Desi zur Aufführung gebracht.

Die schweizerische Flüchtlingspolitik im Zweiten Weltkrieg ist von zentraler Bedeutung dieses zweieinhalb stündigen Theaterabends mit Tristan Jorde als Faust, Karl Maria Kinsky als Luzifer, Mia Krieghofer als Eva und der Sopranistin Judith Halász. In einem einzelnen Güterwaggon weg vom totalen Krieg in Wien des Jahres 1942 nach Rorschach in der Schweiz will sich nämlich ein mit Pelzen beladener, sowie mit in Schmalz eingelegten Edelsteinen ungarischer Pelzhändler samt 13-jähriger Tochter begeben. Zu Hilfe kommen soll ihnen dabei der Teufel in der Gestalt eines Wiener Strizzi, der ihnen den Güterwaggon verkauft und auch eine Lokomotive beschaffen soll.

Das Boot ist voll

Obwohl der Schweizer Bundesrat im Sommer 1942 wusste, dass den zurückgewiesenen Flüchtlingen die Deportation nach Osteuropa und damit der Tod drohte, galten Juden nicht mehr als politische Flüchtlinge. Einer der billigsten Ausreden überhaupt wurde im Zuge dessen geprägt: Das Boot ist voll. Hilfswerke und Teile der Bevölkerung protestierten vehement gegen die Grenzschließung und ein Schweizer Student sah bereits im Oktober 1942 voraus, in welche Schwierigkeiten die Einschränkung des Asylrechts und insbesondere die praktische Verweigerung des Asyls für Juden die Schweiz nach dem Krieg bringen würde, als er in einer Protestnote unter anderem schrieb: “Wir können und müssen heute auf mancherlei Rechte verzichten, aber von dem Recht und der Pflicht zur Menschlichkeit können und dürfen wir uns nicht dispensieren, denn nachher, wenn es wieder leichter, billiger und weniger riskant sein wird, menschlich zu sein, ist es dazu dann eben zu spät.” Eine kleine Staatsaffäre löste ein Brief von Schülerinnen aus Rorschach an die Sehr geehrten Herren Bundesräte aus, indem sie einerseits die Vermutung aufstellten, “dass es ja sein kann, dass Sie den Befehl erhalten haben, keine Juden aufzunehmen”, und sich andererseits beschwerten, dass man “Flüchtlinge ins Elend, ja in den sicheren Tod zurückstoße”. Als Conclusio baten die Briefeschreiber um Aufnahme dieser Ärmsten und Heimatlosen. Bundesrat Eduard von Steiger rechtfertigte sich in einer Rede, dass man unter Umständen sogar hart und unnachgiebig zu scheinen hat, und “man muss Vorwürfe, Beschimpfungen und Verleumdungen ertragen und trotzdem widerstehen können und nicht umfallen” und schloss diese Rede mit der Begründung, dass eben das Boot voll sei. Zudem wurde aber auch die Bundesanwaltschaft eingeschaltet, die Schülerinnen und das Lehrpersonal verhört und letzten Endes alles als Missverständnis abgetan. Den Schülerinnen wurde Stillschweigen auferlegt, und in Rorschach hörte jahrelang niemand etwas über diesen Brief.

Das Leben und die Realität in Frage stellen

Das ist nur eine Komponente vom Theaterstück, eine weitere sind die musikalischen Elemente: “Der Bajazzo (Finale)” von Ruggero Leoncavallo, “Selig sind, die Verfolgung leiden” von Wilhelm Kienzl, “Trauriger Sonntag” von Rezsö Seress und der “Mephisto Walzer Nr. 1″ aus der “Faust-Sinfonie” von Franz Liszt, jener sinfonischen Antwort auf Goethes Faust, in der er die Dichotomie zwischen Dichtkunst und Musik, sowie zwischen Leben und Realität in Frage stellte und so das Genre der symphonischen Dichtung schuf. Die Beziehung zwischen Text und Musik zeigt hier auf bemerkenswerte Weise, wie Worte oder ein dramatischer Hintergrund die zulässigen Grenzen der Harmoniesprache verschieben können. Die Idee hinter dieser neuartigen Form war, Bilder heraufzubeschwören und dennoch die strukturelle Komplexität zu erhalten die bezeichnend ist für den ersten Satz einer Symphonie. Heute noch ist es ein Werk von größter Relevanz, da es nach Freiheit und Befreiung strebt, oder, wie Noam Chomsky, einer der weltweit bekanntesten linken Intellektuellen, es einmal so treffend formulierte: “In jeder Phase der Geschichte muss es unser Anliegen sein, die Formen von Autorität und Unterdrückung niederzureißen, die ein Zeitalter überdauert haben, in dem sie vielleicht gerechtfertigt waren.”

Kampf zwischen dem göttlichen und dem satanischen Prinzip

Und schließlich erhält das Stück noch eine dritte wichtige Komponente, und zwar in Form von Zitaten aus dem Buch “Die Tragödie des Menschen” vom ungarischen Autor Imre Madách (1823-1864). Diese in Blankversen geschriebene dramatische Dichtung in 15 Bildern ist erstmals im Jahr 1861 erschienen und hat in der ungarischen Literatur einen ähnlichen Rang wie die Faust-Dichtung von Goethe in der deutschen Literatur. Die Hauptfiguren in dem Werk sind Luzifer als quasi Regisseur des Ganzen und Geist der ewigen Verneinung, Adam als der rastlos Strebende, an dem sich erweist, dass jedes Menschheitsideal zum Scheitern verurteilt ist, sowie Eva als Verkörperung des Prinzips diesseitiger Lebensbejahung, die im Theaterstück eine Transformation erhält. Zu sehen ist sie hier nicht als erwachsene Frau von Adam, sondern, wie eingangs erwähnt, als Tochter des Pelzhändlers. Dem romantisch-düsteren Pessimismus dieses Dramas zum Trotz wird der Konflikt – der Kampf zwischen dem göttlichen und dem satanischen Prinzip – doch schon weitgehend im Geiste eines illusionslosen Realismus entwickelt und gestaltet und die wilde Hartnäckigkeit, mit der Adam das Absolute sucht, endet bei Madách mit der tapferen Bejahung der Unmöglichkeit, es zu erjagen. Der deutsche Sprachwissenschaftler Wolfgang Schlachter vertrat von Madáchs dramatischer Dichtung übrigens die These, dass der bis zum höchsten Grad individueller Freiheit gelangende Mensch notwendigerweise am Kollektiv zerbrechen muss und dass er sich deshalb schließlich in die naturgegebenen Grenzen schickt. “Die Frau als Sinnbild des unbesiegbaren Lebensinstinkts”, so Schlachter, “rettet den Mann der selbstmörderischen Bindungslosigkeit des rein Geistigen. Dass solche Konzeption die einer Tragödie ist, offenbart Madáchs schon modernen Pessimismus.”

Unheimliches Ganzes

All diese unterschiedlichen Schichten verknüpft der Regisseur und Textautor Thomas Desi zu einem unheimlichen Ganzen. Das Darsteller-Trio verstand es mit diesen komplexen Strukturen des Stückes gekonnt umzugehen und in der Darstellung zu glänzen, sei es die jüngste auf der Bühne, Mia Krieghofer, sei es der Wiener Vorstadtstrizzi in der Person von Karl Maria Kinsky, und vor allem Tristan Jorde als Hauptakteur, der einmal mehr sein enormes Potenzial und seine Wandlungsfähigkeit unter Beweis stellte. Heraus kam letzten Endes ein sehr gut funktionierendes und streckenweise brillantes Stück mit unterhaltenden Elementen, das hohe Ansprüche ans Publikum stellt. (Text: Manfred Horak)

 

 

DER STANDARD (12. Oktober 2012)

Eine schweizer Reise im Nestroyhof

“Der Rorschach Text”, eine Produktion von Zoon Musiktheater, geschrieben und inszeniert von Thomas Desi

Ein ungarischer Pelzhändler versucht Februar 1945 mit der Tochter durch Österreich in die – “rettende” – Schweiz zu gelangen. Überraschenderweise tut er dies, beladen mit Pelzen und in Schmalz eingelegten Juwelen, in einem eigenen Güterwagon, den er an andere Züge anzuhängen versucht; noch mehr überrascht, dass er die Grenze zur Schweiz auch erreicht. Diese ist jedoch bewacht, Übertritt unmöglich. Zu diesem Fluchtpunkt der Geschichte werden Auszüge einer Rede des Bundesrats Eduard von Steiger zitiert, der die Abschottungspolitik verteidigte (“Das Rettungsboot Schweiz ist voll”), sowie Stellen eines Briefes einer Sekundarklasse aus dem Schweizer Städtchen Rorschach, in dem Schülerinnen verurteilt hatten, dass man so hilfsbedürftige Menschen “wie Tiere (…) herzlos in das Elend zurückstößt”. Es gibt in dieser stimmungsvollen (Theater Nestroyhof) gezeigten Produktion von Zoon Musiktheater (Regie/Buch: Thomas Desi) einige Unwahrscheinlichkeiten und unverständliche Textebenen (Musik spielt eine eher dekorative Rolle). Der Hauptstrang von Der Rorschach Text fesselt indes, und dies dank der Leistungen: so die wundervolle Mia Krieghofer als Tochter, Karl Maria Kinsky als Kriegsgewinnler mit Wiener Vorstadt-Schmierigkeit und allen voran Tristan Jorde als Hauptfigur. Die outragefreie Exaktheit, mit der er einen Menschen, auch eine Gesellschaftsschicht und eine ganze Zeit nachzeichnet, wiedererschafft, ist ganz große Kunst. (end, DER STANDARD, 13./14.10.2012)

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Dokumentation über Nestroyhof/Hamakom und Probenarbeiten zum “Rorschach Text”
auf dem Fernsehsender w24.at
Dienstag 20:00 (Erstausstrahlung am 18.09.)
Mittwoch 13:45
Samstag 15:15
Sonntag 17:15
Sie können die Sendung ab Erstausstrahlung auch auf w24.at finden.

mit Förderung durch das Kulturamt der Stadt Wien

Dank an    www.manufactum.at